Ein Stück Mexiko im Gesäuse
Nemak wurde 1979 in Monterrey, Mexiko, gegründet, wo sich auch heute noch der Konzernhauptsitz befindet. Innerhalb der letzten 40 Jahre hat das Unternehmen einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen und sich von einem traditionellen Zulieferer von Antriebskomponenten zu einem der führenden Produzenten von Leichtbaulösungen aus Aluminium für die Automobilindustrie mit rund 23.000 Angestellten weltweit entwickelt. Durch die Übernahme des Automobilgeschäfts von GF Casting Solutions rückt der internationale Konzern auch bei uns verstärkt in den Fokus – schließlich zählt der Gesäuse-Standort zu den größten Arbeitgebern der Region.
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Dr. Klaus Lellig, Nemak-Vizepräsident
für Europa und Indien BN: Was waren die ausschlaggebenden Gründe für den Kauf von GF Casting Solutions und welche Rolle spielt dabei konkret der Standort Altenmarkt bei
St. Gallen?
Dr. Klaus Lellig: Die Übernahme von Casting Solutions durch Nemak ist ein wichtiger Schritt, um die Transformation des Unternehmens zu einem diversifizierteren und zukunftsfähigen Mobilitätsanbieter zu beschleunigen. Nemak baut damit seine Präsenz im Bereich Struktur- und Fahrwerkskomponenten aus. Wir stärken damit unsere Kompetenzen im Bereich der Elektrifizierung und festigen unsere globale Reichweite und Wettbewerbsfähigkeit. Altenmarkt spielt als strategisches Drehkreuz in Europa eine entscheidende Rolle. Der Standort stärkt Nemaks Ingenieurkompetenz, erhöht die Kundennähe und beschleunigt das Wachstum im Bereich hochwertiger Strukturkomponenten für Fahrzeuge der nächsten Generation.
Die Ankündigung der Schließung des Standorts Herzogenburg nur wenige Wochen nach Abschluss der Übernahme hat für Verunsicherung gesorgt. Können Sie nachvollziehen, dass dadurch auch in unserer Region Sorgen um die Zukunft des ehemaligen Georg-Fischer-Standorts entstehen?
Wir sind uns bewusst, dass der Zeitpunkt der Ankündigung bezüglich Herzogenburg Unsicherheit hervorrufen kann, und verstehen diese
Bedenken. Diese Entscheidung war jedoch standortspezifisch und erfolgte nach einer gründlichen Prüfung des betrieblichen und marktbezogenen Umfelds. Dies darf nicht als allgemeines Signal für die Zukunft anderer ehemaliger Standorte von GF Casting Solutions interpretiert werden.
Werden durch die geplante Schließung des Standorts in Herzogenburg möglicherweise einzelne Aufträge, Produktlinien oder Produktionsbereiche aus Herzogenburg künftig nach Altenmarkt übertragen?
Bei der Stilllegung eines Standorts prüfen wir stets, wie die Produktion am besten neu verteilt werden kann. Dies kann, abhängig von den jeweiligen Möglichkeiten und Kapazitäten, Chancen für andere Standorte eröffnen. Auch wenn es noch zu früh für konkrete Zusagen ist, ist es durchaus denkbar, dass einige Aktivitäten innerhalb unseres Netzwerks an Standorte wie Altenmarkt, verlagert werden.
Was unterscheidet das Werk in Altenmarkt aus Ihrer Sicht von anderen übernommenen Standorten?
Der Standort Altenmarkt zeichnet sich durch seine hohe technische Kompetenz, seine erfahrenen Mitarbeiter und seine nachweisliche Erfolgsbilanz in der Produktion hochwertiger Produkte aus. Er profitiert zudem von der engen Zusammenarbeit mit seinen Kunden und seinem fundierten technischen Know-how.
Können Sie den Menschen im Bezirk Liezen zusichern, dass die Standorte im Gesäuse langfristig Teil der Nemak-Strategie bleiben?
Wir verstehen Ihre Bedenken. Alle Standorte werden sorgfältig und individuell geprüft, wobei wir uns auf langfristige Wettbewerbsfähigkeit und strategische Ausrichtung konzentrieren. Altenmarkt ist ein wichtiger Standort für unser Unternehmen, und wir arbeiten weiterhin daran, seine Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und seine langfristige Entwicklung zu fördern.
Europa steht als Industriestandort unter Druck, durch hohe Energiekosten, den starken Aufstieg chinesischer Hersteller und, speziell in Österreich, auch durch hohe Lohnnebenkosten. Welche Rolle spielen österreichische Produktionsstandorte in diesem globalen Wettbewerb?
Wir sind uns des Kostendrucks in Europa bewusst. Dennoch bleiben die österreichischen Standorte aufgrund ihrer Ingenieurskompetenz, ihrer fortschrittlichen Fertigungsmöglichkeiten und ihrer Nähe zu wichtigen Kunden weiterhin von großer Bedeutung. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei anspruchsvollen, technisch komplexen Anwendungen, insbesondere bei Strukturbauteilen und Zukunftstechnologien. Unser Ziel ist es, diese Stärken weiter auszubauen und gleichzeitig unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Wird Nemak in Altenmarkt bei St. Gallen in den kommenden Jahren investieren oder liegt der Fokus derzeit eher auf Kostenkontrolle?
Unsere Priorität liegt aktuell auf der effektiven Integration des übernommenen Unternehmens und der Sicherstellung der operativen Stabilität. Investitionsentscheidungen orientieren sich jedoch stets am langfristigen Potenzial. Wo wir starke Kompetenzen und eine Ausrichtung auf Zukunftstechnologien erkennen, werden wir investieren. Altenmarkt verfügt zweifellos über entsprechende Stärken.
Nemak ist nun im Gesäuse der größte Arbeitgeber. Wie stark fließen bei strategischen Entscheidungen eines Weltkonzerns, der insgesamt rund 23.000 Menschen beschäftigt, auch regionale Verantwortung und soziale Auswirkungen mit ein?
Als global agierendes Unternehmen lassen wir uns bei unseren Entscheidungen von langfristiger Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit leiten. Gleichzeitig verpflichten wir uns zu verantwortungsvollem Handeln, indem wir die Auswirkungen auf unsere Mitarbeiter und die Gesellschaft berücksichtigen und Lösungen suchen, die unsere Mitarbeiter in Zeiten des Wandels unterstützen. Unser Ziel ist es, wirtschaftliche Prioritäten mit einem nachhaltigen und verantwortungsvollen Ansatz in Einklang zu bringen und Transparenz sowie die Unterstützung unserer Mitarbeiter zu gewährleisten. ◻
Foto: wmp-wizard-media/Fotografie-Schepp